1923 in Hamburg: Notgeld, Hungerlöhne, ein Aufstand
Fünf Prozent Lohn auf der Vulkan-Werft, rund siebzig Zahlungsmittel im Umlauf, drei Tage Aufstand im Oktober: was für 1923 in Hamburg belegt ist.

Im Herbst 1923 ist Geld in Hamburg keine Rechengröße mehr, sondern eine Aufgabe, die jeden Zahltag neu gelöst werden muss. Die Serie Peaky Blinders spielt in denselben Jahren, aber in einer anderen Stadt und in einer Währung, die hält. Dieser Beitrag hält die Hamburger Seite fest, mit den Zahlen, die dazu überliefert sind.
Der Lohn, der nicht ausgezahlt werden konnte
Es gibt einen Satz aus dem Hamburger Geschichtsbuch, der die Lage genauer beschreibt als jede Schilderung von leeren Schaufenstern: Ende September 1922 konnten in Hamburger Großbetrieben und Behörden erstmals nur geringe Bruchteile der fälligen Löhne und Gehälter ausbezahlt werden, auf der Vulkan-Werft beispielsweise nur fünf Prozent.
Bei diesem Satz lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben. Es geht nicht darum, dass Löhne zu niedrig waren. Es geht darum, dass die Löhne feststanden, verdient waren, in den Büchern standen — und dass am Auszahlungstag das Geld physisch nicht da war, um sie auszuzahlen. Fünf Prozent heißt: Wer fünfzig Mark zu bekommen hatte, bekam zweieinhalb, und der Rest blieb eine Zahl auf Papier, die in der Woche darauf schon weniger wert war.
Die Werftindustrie war Hamburgs wichtigster Industriezweig. Wenn dort der Lohntag zusammenbricht, bricht er in der Stadt zusammen. Und er brach nicht wegen eines Streits zwischen Betrieb und Belegschaft zusammen, sondern weil die Maschine hinter dem Lohn nicht mehr funktionierte: Die Reichsbank kam mit dem Drucken nicht hinterher, und das Geld, das ankam, war auf dem Weg zum Betrieb bereits entwertet.
Der Senat reagierte auf die einzige Weise, die ihm blieb, und ließ ab Oktober 1922 amtliches Notgeld herstellen. Ein Stadtstaat druckt sein eigenes Zahlungsmittel, nicht aus Eigensinn, sondern weil sonst niemand ausgezahlt werden kann. Das ist der Punkt, an dem eine Währung aufhört, eine Selbstverständlichkeit zu sein.
Siebzig verschiedene Zahlungsmittel
Aus dieser Notlösung wurde binnen Monaten ein Zustand. Rund siebzig verschiedene, überwiegend illegale Zahlungsmittel kursierten im August 1923 in Hamburg. Firmen brachten eigene Geldersatzmittel in Umlauf, weil sie ihre Leute sonst nicht hätten bezahlen können.
Siebzig ist eine Zahl, die man sich schwer vorstellt, solange man sie nur liest. Übersetzt heißt sie: In einem Laden am Hamburger Berg konnte an einem Augusttag 1923 ein Schein auf dem Tresen landen, den der Händler noch nie gesehen hatte, ausgestellt von einer Firma, deren Namen er kannte oder auch nicht, gültig so lange, wie jemand bereit war, ihn anzunehmen. Jeder Einkauf war damit auch eine Prüfung: Nehme ich das an, und wenn ja, zu welchem Kurs.
Vertrauen ist im Alltag normalerweise unsichtbar. Man denkt nicht darüber nach, ob der Zehner in der Tasche morgen noch ein Zehner ist. Im Hamburg des Sommers 1923 war genau das die Frage, die an jeder Ladentheke neu gestellt wurde. Und da ein großer Teil dieser Scheine illegal war, hing die Antwort nicht am Gesetz, sondern daran, ob man dem Aussteller zutraute, dahinterzustehen.
Wer wissen will, warum in diesen Jahren die Schattenwirtschaft wuchs, findet hier einen Teil der Antwort. Wo das offizielle Geld unzuverlässig wird, steigt der Wert von allem, was nicht Geld ist: Ware, Devisen, Sachwerte, Gefälligkeiten. Das ist keine moralische Frage, sondern eine rechnerische.
Die Zahl, die zählt: der Reallohn
Bei der Inflation von 1923 werden meistens die spektakulären Zahlen zitiert, die Scheine mit den vielen Nullen, der Brotpreis in Milliarden. Die aussagekräftigere Angabe ist nüchterner: Die realen Einkünfte der Arbeitnehmer lagen im Schnitt durchweg unter den Vorkriegsbezügen.
Durchweg. Nicht in Spitzen, nicht in einzelnen Monaten, sondern im Schnitt und über die Strecke. Das heißt, dass Arbeit in Hamburg nach dem Krieg weniger einbrachte als vor dem Krieg — bei voller Beschäftigung, im gleichen Betrieb, an derselben Werkbank. Die Nullen auf den Scheinen wurden mehr, das, was man dafür bekam, wurde weniger.
Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Nach dem Oktober 1922 wuchsen die Zahlen wieder und schnellten während der Hyperinflation 1923 sprunghaft in die Höhe. Die beiden Entwicklungen verstärkten einander: Wer Arbeit hatte, verdiente real weniger als vor dem Krieg, und wer sie verlor, fiel in eine Absicherung, die in entwertetem Geld ausgezahlt wurde.
Am 13. August 1923 verhängte der Senat den Ausnahmezustand. Er tat es unter anderem, um über neues Notgeld überhaupt wieder Lohnzahlungen zu ermöglichen. Der Ausnahmezustand war hier also kein Instrument gegen die Straße, sondern zunächst eines gegen den Stillstand an der Kasse.
Oktober 1923: drei Tage
Was dann folgte, gehört zu den Ereignissen, die in Hamburg bis heute unterschiedlich erzählt werden. Die Fakten selbst sind schmal und klar.
Am frühen Morgen des 23. Oktober 1923 erstürmten kommunistische Kampfgruppen siebzehn Polizeiwachen. Der Aufstand blieb auf Teile der Stadt begrenzt. Nur in Barmbek und in Schiffbek hielt der Widerstand zwei Tage, dann gaben die Beteiligten am 25. Oktober den Kampf auf.
Drei Tage, von einem Dienstagmorgen bis zum Donnerstag. Es war kein langer Aufstand, und er war nach jedem militärischen Maßstab aussichtslos. Was ihn bemerkenswert macht, ist nicht seine Dauer, sondern sein Zeitpunkt: Er fällt in die Wochen, in denen die Währung am Boden lag, in denen Löhne nicht ausgezahlt werden konnten und in denen siebzig verschiedene Zahlungsmittel im Umlauf waren. Der Aufstand kam nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Herbst, in dem für viele Menschen der Boden weg war.
Wir halten uns hier an das Belegte und schreiben die Beweggründe der Beteiligten nicht aus. Was überliefert ist, sind Datum, Ziel, Dauer und Ende.
Was danach vor Gericht geschah
Die Bilanz der Kämpfe: Vierundzwanzig Anhänger der KPD und siebzehn Hamburger Polizisten fanden den Tod. Über 1.400 Personen wurden angeklagt, etwa 300 verurteilt, die meisten davon 1925 amnestiert.
Diese Zahlen sind das, was von drei Tagen bleibt, und sie verdienen es, einzeln gelesen zu werden. Einundvierzig Tote in einer Stadt, auf beiden Seiten, in einem Konflikt, der binnen zweier Tage entschieden war. Über 1.400 Angeklagte gegenüber rund 300 Verurteilten — das heißt, dass gegen deutlich mehr als tausend Menschen ein Verfahren lief, das nicht mit einer Verurteilung endete. Und dann die Amnestie von 1925: Zwei Jahre später war der juristische Teil weitgehend abgeschlossen.
Hinter jeder dieser Zahlen stehen Familien, Wohnungen, Arbeitsplätze und Nachbarschaften, die weiterbestanden, als die Sache vorbei war. Das ist der Grund, warum wir dieses Kapitel ohne Ausschmückung erzählen. Es braucht keine.
Zwei Welten nebeneinander
Und nun der Blick, der uns im Club immer wieder beschäftigt: Was war in denselben Monaten in England?
In der Serie stehen die Shelbys 1923 mitten im Aufstieg. Das Geschäft läuft, der Handlungsraum wird größer, die Gegner werden mächtiger. Die Serie erzählt von einer Familie, die Verhältnisse für sich nutzt.
Das ist kein Gegenbild zu Hamburg, sondern ein anderer Rahmen. In Großbritannien gab es 1923 keine Hyperinflation. Das Pfund war ein Pfund. Wer dort Bargeld hortete, hatte am Jahresende noch Bargeld. Genau das ist die Voraussetzung dafür, dass man aus Wetten, Schutzgeld und Buchmacherplätzen ein Vermögen aufbauen kann. Wo die Währung hält, lohnt sich das Anhäufen von Geld. Wo sie nicht hält, lohnt sich das Anhäufen von Ware.
Deshalb stellen wir die beiden Seiten nebeneinander und nicht ineinander. Es gibt keine Verbindung zwischen der Welt der Serie und dem Hamburger Herbst 1923, und es braucht auch keine. Was es gibt, ist dasselbe Jahr, gesehen von zwei Orten aus — einmal als Aufstieg erzählt, einmal als Zusammenbruch dokumentiert.
Wer beides kennt, sieht die Serie anders. Nicht schlechter, aber genauer. Die Eleganz der Shelbys steht in einem Land, in dem das Geld funktionierte. In Hamburg hätte derselbe Anzug an einem Auszahlungstag im September auf der Vulkan-Werft eine andere Bedeutung gehabt.
Einordnung
Was an diesem Jahr auffällt, ist die Nüchternheit der Überlieferung. Fünf Prozent Lohn, siebzig Zahlungsmittel, siebzehn Wachen, vierundzwanzig und siebzehn Tote, 1.400 Angeklagte, 300 Verurteilte. Das sind Zahlen aus Verwaltung und Justiz, nicht aus der Erinnerung, und deshalb halten sie.
Für uns im Club ist 1923 das Jahr, das jede Romantisierung der Zwanziger beendet. Wir beschäftigen uns mit dem Stil dieser Zeit, mit Tweed, Schiebermütze und Auftritt, und das aus Überzeugung. Aber derselbe Herbst, in dem dieser Stil entstand, war in Hamburg ein Herbst, in dem Menschen ihren Lohn nicht bekamen. Beides gehört zur Epoche, und nur eines davon macht Freude.
Wir erzählen die Hamburger Seite deshalb so, wie sie überliefert ist, und wir lassen sie für sich stehen. Die Serie kommt in diesem Text nur einmal vor, und das ist Absicht.
Häufige Fragen
Warum konnten die Hamburger Werften die Löhne nicht auszahlen?
Weil in der Hyperinflation das Bargeld physisch fehlte. Ende September 1922 konnten in Hamburger Großbetrieben und Behörden erstmals nur geringe Bruchteile der fälligen Löhne ausbezahlt werden, auf der Vulkan-Werft nur fünf Prozent. Die Löhne waren verdient und festgesetzt, aber die nötigen Scheine waren nicht da, und was ankam, war bereits entwertet.
Was war Notgeld?
Ersatzzahlungsmittel, das ausgegeben wurde, weil das reguläre Geld nicht in ausreichender Menge und Werthaltigkeit zur Verfügung stand. Der Hamburger Senat ließ ab Oktober 1922 amtliches Notgeld herstellen. Daneben brachten Firmen eigene Geldersatzmittel in Umlauf, sodass im August 1923 rund siebzig verschiedene, überwiegend illegale Zahlungsmittel in Hamburg kursierten.
Was geschah beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923?
Am frühen Morgen des 23. Oktober 1923 erstürmten kommunistische Kampfgruppen siebzehn Polizeiwachen. Der Aufstand hielt nur in Barmbek und Schiffbek zwei Tage; am 25. Oktober gaben die Beteiligten auf. Vierundzwanzig Anhänger der KPD und siebzehn Hamburger Polizisten kamen dabei ums Leben.
Wie viele Menschen wurden danach verurteilt?
Über 1.400 Personen wurden angeklagt, etwa 300 verurteilt. Die meisten Verurteilten wurden 1925 amnestiert. Die Zahlen zeigen, dass gegen deutlich mehr Menschen ermittelt wurde, als am Ende verurteilt wurden.
Hat das etwas mit Peaky Blinders zu tun?
Direkt nichts. Die Serie spielt in denselben Jahren in Birmingham, in einem Land ohne Hyperinflation. Genau das ist der Unterschied, der beide Seiten erklärt: Wo die Währung hält, lohnt sich das Anhäufen von Geld. In Hamburg hielt sie 1923 nicht. Wir stellen die beiden Welten nebeneinander, nicht ineinander.
Peaky Blinders ist eine Produktion der BBC; dieser Beitrag ist eine eigenständige Besprechung und steht in keiner Verbindung zu den Rechteinhabern.
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